Das Problemkind Bewusstsein

Ein Versuch, unser Konzept von Bewusstsein in das 21. Jahrhundert zu bringen.

alexander.w.rauchPsychologie

Bewusstsein in der Psychologie

Die Intensivierung des Austauschs zwischen dem Osten und dem Westen zu Beginn des 20. Jahrhundert führte zu einer wechselseitgen Beeinflussung der Wissenschaften1 und entpuppte sich gleichzeitig als große Inspirationsquelle für die großen abendländischen Wissenschaftler des 20. und 21. Jahrhunderts.

Während sich die abendländische Wissenschaft in Physik, Biologie, Mathematik und Philosophie aufgrund der regen Entwicklung vergangener Jahrhunderte als fortschrittlicher betrachtete, ließ sich dieselbe Aussage kaum über die Psychologie tätigen, die sich zu dieser Zeit noch in ihren Kinderschuhen befand und um Anerkennung als wertige Wissenschaft kämpfte.

Bereits dieses Phänomen für sich verdient es, Gegenstand des Interesses zu sein, da sich dem wachen Gemüt unweigerlich die Frage zu stellen vermag, warum die Psychologie im Abendland jahrhunderelang so vernachlässigt worden war. War es ihrer ungreifbaren, empirisch schwer zugänglichen Natur verschuldet? Oder die Tatsache, dass in dem zu der Zeit vorherrschenden kartesischen Weltbild einfach kein Raum und kein Bedarf für eine Psychologie vorhanden war?

Wie auch immer die Antwort auf diese Frage zu lauten vermag, die Disziplin, in der sich der Osten als dem Westen überlegener empfinden konnte, war zweifelsfrei die Psychologie, das Studium der Seele – der Anteile des Menschen, die sich nur indirekt beobachten und analysieren lassen.

Der Samen eines Weltbildes, das den Westen als logische, vernünftige und den osten als tiefgründige, doch irrational mystische Seite der Welt betrachtet, war gesät.

Die wohl größte Kritik an der westlichen Psychologie war von Anfang an ihre Blindheit gegenüber dem Einfluss von Bewusstsein und verschiedenen Bewusstseinsstufen auf das Seelenleben und den Organismus.

Die westliche Psychologie trachtete (und tut dies bis heute) nach mit der Humanmedizin vergleichbaren Anerkennung, während die östliche Philosophie aus Philosophie, Spiritualität und Theologie hervorgegangen war und diese Wurzeln zu würdigen pflegte.

Das Thema der Bewusstseinsstufen war der westlichen Psychologie jedoch nicht unbekannt. Spätestens seit Platons Höhlengleichnis war auch in der abendländischen Philosophie eine Grundlage für das Problem der Weitergabe von Bewusstseinsinhalten geschaffen. Doch sie fand, vielleicht aufgrund ihrer philosophischen Herkunft, im wissenschaftlichen Kontext keine Beachtung.

Es ist leider zu beobachten, dass auch hundert Jahre später die besondere Rolle von Bewusstseinszuständen in Bezug darauf, wie Menschen fühlen und erleben, nicht als Grundlage psychologischer Arbeit gesehen werden kann. Dabei gibt es inzwischen zahlreiche Studien, die genau das nahelegen.2

Das Weltbild der Forscher scheint hier einen größeren Einfluss zu haben als Forschungsergebnisse.

Stufen des Bewusstseins

In der östlichen Tradition – wie auch bei Platon – wird ein erhöhter, wachsamer Bewusstseinszustand im Vergleich zum Alltagsbewusstsein äquivalent zum Verhältnis Alltagsbewusstsein und Schlaf gesehen.

Der Mangel an Differenzierung zwischen diesem erhöhten Bewusstsein und dem Alltagsbewusstsein in der Forschung ist aus dieser Perspektive so zu betrachten, als würden Psychologen Experimente durchführen und Daten sammeln, ohne zu berücksichtigen, ob ihre Versuchspersonen wach sind oder schlafen.

Doch das Beispiel verbirgt ein wissenschaftliches Dilemma, denn ein großes Hindernis ist das im Höhlengleichnis dargestellte Problem der fehlenden empirischen Überprüfbarkeit außerhalb dieses Zustandes: der Unterschied zwischen Wachsein und Schlaf ist nur aus einem Zustand des Wachseins ersichtlich.

In unserem Forschungsbeispiel funktioniert es, weil wir davon ausgehen, dass der Forscher nicht schläft: natürlich ist ein wacher Forscher in der Lage, zwischen schlafenden und wachen Versuchspersonen zu differenzieren.

Ebenso braucht es aber auch einen Forscher in einem erhöhten Bewusstseinszustand, um zwischen Versuchspersonen in erhöhten Bewusstseinszustand und im Alltagsbewusstsein zu unterscheiden.

Solange wir den Unterschied der Bewusstseinslevels nicht empirisch messen können, sind wir als Psychologen darauf angewiesen. Obwohl sich sogar hier die Frage stellt, ob die Messbarkeit ausreichend wäre: den Unterschied zwischen Schlaf und Wachsein können wir mit Instrumenten messen – doch wenn alle Forscher schlafen, wer ließt dann das Messinstrument?

Für die psychologische Wissenschaft ist das ein großes Problem. Ohne die empirische Messbarkeit ist die Objektivität nicht gewährleistet; ohne Objektivität ist die Wissenschaftlichkeit nicht gegeben.

Ich versuche, einen kleinen Beitrag zum Lösen dieser Problematik zu leisten, da ich ihn als Kernproblem unserer Psychologie empfinde. Erstens möchte ich Bewusstsein für die Grundsituation der Problematik schaffen. Zweitens versuche ich, mit Hilfe einer philosophischen Brücke, den Grundstein zu legen für eine in der Zukunft liegende mögliche Wissenschaft des Bewusstseins. Von dieser Thematik handelt auch meine Forschung zum Zusammenhang von Hochsensibilität und Selbsttranszendenz.3

Es ist traurig, dass die aktuelle Situation eine der Verkenntnis von höheren Bewusstseinsstufen ist, denn Objektivität und erhöhtes Bewusstsein gehen im Grunde genommen Hand in Hand. Bewusstseinsstufen in Wissenschaft zu berücksichtigen, wäre ein Qualitätsmerkmal für gute Wissenschaft.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle die mehr als hundertjährige Kritik des Ostens an die damals relativ junge westliche Psychologie an dieser Stelle noch einmal wiederholen, sozusagen als Erinnerung und Weckruf (im doppelten Sinne): das größte Problem unserer Psychologie ist es, dass wir generell davon ausgehen, es gäbe keine Wachheitsgrade über unser Alltagsbewusstsein hinaus.

Das Wissen der östlichen Psychologie anzuzapfen ist für uns nicht oder nur bedingt möglich, aufgrund der unterschiedlichen Natur der Wissenschaften. Der westlichen Psychologie bleibt nur der Weg, den Grundgedanken dieser Kritik ernstzunehmen und mit ihren eigenen Mitteln und Werkzeugen einen Weg zu finden, unsere Wissenschaft aus ihrem Schlaf zu wecken.

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  1. Solomon, R. C. (1996). A short history of philosophy.
  2. Vaitl, D., Birbaumer, N., Gruzelier, J., Jamieson, G. A., Kotchoubey, B., Kübler, A., ... & Sammer, G. (2005). Psychobiology of altered states of consciousness. Psychological bulletin, 131(1), 98.
  3. Kilic, N. (2017). Hochsensibilität und Selbsttranszendenz: Übesicht und Zusammenführung zweier Persönlichkeitsmerkmale. MSH Medical School Hamburg.

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alexander.w.rauch