Was ist Hochsensibilität?

Eine Einführung in die psychologische Forschung der Hochsensibilität

alexander.w.rauchHochsensibilität

Hochsensibilität ist die angeborene, gesteigerte Empfindsamkeit eines Lebewesens für innere und äußere Eindrücke. Sie ist durch eine tiefere Verarbeitung und Verknüpfung dieser Eindrücke im Gehirn gekennzeichnet. Das bedeutet, dass die Gehirne von hochsensiblen Menschen alles, was sie wahrnehmen, nach einem tieferen Sinn durchsuchen. Gleichzeitig sind sie auch verstärkt in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen und können Situationen, die weniger sensible Menschen gar nicht innerlich berühren, als zutiefst emotional empfinden.

Diese Veranlagung ist keine Krankheit, sondern eine evolutionäre Strategie, die neben Menschen auch von über hundert weiteren bekannten Tierarten seit Millionen von Jahren angewandt wird1. Der Vorteil dieser Stragie besteht darin, aus einer Haltung der zurückhaltenden Beobachtung heraus lernen zu können, ohne selber ein Risiko einzugehen. Hochsensible können also aus den Fehlern von anderen lernen, ohne sie selber begehen zu müssen. Diese Art des Lernens erfordert eine außergewöhnliche empathische Fähigkeit, denn wer aus dem Fehler eines anderen genauso gut lernen will wie die Person selber, die den Fehler begeht, muss emotional mit einer vergleichbaren Intensität mitfühlen, da Emotionalität eine Bedingung für Lernerfolg darstellt.

Wer eine heiße Herdplatte anfasst, lernt schnell, dass dies keine gute Idee ist. Wer jemanden dabei beobachtet, wie er eine heiße Herdplatte anfasst, lernt nur dann ebenso schnell, dass es keine gute Idee ist, wenn er sich in die Situation des Anderen möglichst gut hineinversetzen kann, das heißt mitfühlend ist. Für hochsensible Lebewesen sind Empathie und Einfühlungsvermögen also keine moralisch wertvolle Tugenden, sondern blanke Überlebensstrategien. Je empathischer der Hochsensible, umso besser seine Überlebensschancen. Nur mit einer Sache hat die Hochsensibilität nicht gerechnet: unserer modernen Gesellschaft.

Der Ursprung des Leids der Hochsensiblen

Das Gefühl, dass es falsch oder schlecht sei, besonders sensibel zu sein, ist die Sicht einer degenerierten Gesellschaft, die keine Wertschätzung für die feinen Aspekte des Lebens mehr übrig hat. Je weiter eine Gesellschaft degeneriert ist, umso stärker wendet sie sich gegen alles, was fein und kostbar in ihr ist.

Qualitäten der Feinheit wie Ruhe, Gelassenheit, innerer Friede und Harmonie schwinden immer mehr aus Kunst, Musik, Architektur und dem inneren Erleben der Menschen. Gleichzeitig werden die hochsensiblen Menschen, die einen natürlichen Zugang zu diesen Dingen haben, mit ihnen entwertet.

So eine Gesellschaft bringt den Kindern bei, möglichst stark, tüchtig und durchsetzungsfähig zu sein, anstatt auf die eigene, innere Stimme zu hören. Sie verehrt und würdigt Menschen, die erfolgreich sind und sich durchsetzen können, anstatt diejenigen, die das Leben wirklich in seiner Tiefe verstehen wollen.

Die Geringschätzung der Sensibilität von Seiten der Gesellschaft bringt diese in eine isolierte Außenseiterposition, in der sie sich nicht untereinander vernetzen und stärken können. Gleichzeitig entzieht sie den hochsensiblen Menschen auch jegliche Grundlage, Verständnis, Liebe und Akzeptanz, um ihre Natur entwickeln zu können.

Dadurch wird Leid zum größten Thema der Hochsensibilität und der Boden für eine Pathologisierung dieser Veranlagung ist gesät. In einer Gesellschaft, welche die feinen Aspekte des Lebens wertschätzt, würden hochsensible Menschen nicht als krank gesehen, sondern besonders gefördert und geachtet, da ihre erhöhte Sensibilität sie für die Wahrnehmung und die Erkenntnis der feinen Aspekte des Lebens auszeichnet.

Hochsensible erleben sich daher oft als außerordentlich talentierte oder besondere Menschen, deren Talente jedoch keinen Wert in der Gesellschaft zu haben scheinen. Es fällt ihnen sehr schwer, Kapital aus ihren Fähigkeiten zu schlagen oder beruflichen Erfolg zu haben.

Großartige Philosophen, Wissenschaftler und Musiker wie Nietzsche, Tesla, Bach oder Beethoven sind alles hochsensible Persönlichkeiten, die wenig Wertschätzung zu ihren Lebzeiten erfuhren und doch durch ihre Sensibilität Großartiges vollbrachten.

Hochsensibilität & Forschung
Der Begriff hochsensible Person (engl. Highly Sensitive Person, oder auch HSP) geht auf die psychologische Forschung von Elaine und Arthur Aron aus den 90er-Jahren zurück2. Dabei bezieht sie sich auf eine evolutionär bedingte Veranlagung, die bei über 100 Tierarten beobachtet wurde. In der Wissenschaft ist sie unter dem Begriff sensory-processing sensitivity (sensorische Verarbeitungssensitivität) bekannt.

Die Wissenschaft deutet aber eigentlich darauf hin, dass Hochsensibilität nicht zu Leid führt. Sie scheint sogar eine besondere Rolle dabei zu spielen, uns vor Leid zu beschützen, wenn sie als Ressource verstanden wird.

In einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit zur Hochsensibilität habe ich die gesamte Forschung zur Hochsensibilität zusammengefasst, kritisch begutachtet und ausgewertet3. Dabei bestätigte sich meine Hypothese, dass Hochsensibilität in ihrer Natur eigentlich eher eine Gabe ist als ein Laster.

Denn bereits Kinder scheinen besser auf Übungen zur Prävention von psychischen Krankheiten und Belastungen zu reagieren, wenn sie hochsensibel sind4. Das bedeutet, dass hochsensible Kinder darunter leiden, wenn sie Teil eines Systems sind, was sie nicht gezielt auf die Schwierigkeiten des Lebens vorbereitet.

Auch bezüglich der Auswirkungen des Familienlebens ist die Forschungslage ähnlich. Hochsensible Kinder scheinen von einer positiven Kindheit stärker zu profitieren als nicht hochsensible Kinder. Für mich ist aus wissenschaftlicher Sicht klar ableitbar: Hochsensible reagieren sehr stark auf Eindrücke, unabhängig davon, ob ein Reiz stärkend oder schwächend wirkt.

Wenn wir also stark reagierende, hochsensible Kinder und Erwachsene in eine Welt hineinsetzen, die keine Wertschätzung für sie hat, sie nach dem Maßstab der weniger sensiblen misst und sie nicht fördert, ist es ein natürliches Resultat, dass sie eingehen statt aufzublühen.

Die Lösung besteht nicht darin, Hochsensiblen mitzuteilen, dass sie weniger sensibel sein könnten oder sollten. Erstens ist es für diejenigen, die hochsensibel sind, gar nicht möglich, ihre Sensibilität auszustellen. Zweitens lechzt unsere Welt nach einer Entwicklung hin zur Sensiblität, die Grundlage für ein empathisches, respektvolles und harmonisches Miteinander ist. Die Lösung kann deshalb nur darin bestehen, sensible Menschen in ihrer individuellen Entwicklung zu unterstützen und zu stärken.

Diesen Artikel teilen

  1. Aron, E. N., Aron, A., & Jagiellowicz, J. (2012). Sensory processing sensitivity: A review in the light of the evolution of biological responsivity. Personality and Social Psychology Review: An Official Journal of the Society for Personality and Social Psychology, Inc, 16(3), 262-82. doi:10.1177/1088868311434213
  2. Aron, E. N., & Aron, A. (1997). Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345.
  3. Kilic, N. (2017). Hochsensibilität und Selbsttranszendenz: Übesicht und Zusammenführung zweier Persönlichkeitsmerkmale. MSH Medical School Hamburg.
  4. Boterberg, S., & Warreyn, P. (2016). Making sense of it all: The impact of sensory proces- sing sensitivity on daily functioning of children. Personality and Individual Differences, 92, 80-86. doi:10.1016/j.paid.2015.12.022

Über den Autor

alexander.w.rauch