Gefühle in der Hochsensibilität

Warum Achtsamkeit der Schlüssel dafür ist, unsere Hochsensibilität zu meistern.

alexander.w.rauchHochsensibilität

Gefühle, Achtsamkeit und Hochsensibilität

Die Hochsensibilität ist eine evolutionär bedingte Veranlagung dafür, aus den Fehlern von anderen besonders gut lernen zu können. Das macht Hochsensible zu außerordentlich emphatischen und lernfähigen Menschen. Es erfordert aber auch eine stärkere emotionale Bewertung aller Eindrücke und Empfindungen, die von hochsensiblen Individuen aufgenommen werden. Das liegt daran, dass eine stärkere emotionale Verknüpfung von Empfindungen dazu führt, diese als wichtig zu bewerten und dadurch mehr Lernerfolge zu erzielen.

Die Strategie der Hochsensibilität wird oft auch als ein Pausieren vor dem Handeln beschrieben. Ein hochsensibler Fisch1 würde zum Beispiel eher durch das Beobachten anderer Fische, die mit dem Kopf gegen die Glasfront stoßen, lernen, dies nicht zu tun, als selber mit dem Kopf voran zu erkunden. Der nicht-hochsensible, erkundungsfreudige Fisch lernt aus dem Prall mit der Glasfront, weil er dadurch Schmerz erleidet.

Der Schmerz führt dazu, dass er das Erlebnis als wichtig bewertet und versucht, daraus eine Lehre zu ziehen. Der hochsensible Fisch wiederum lernt aus dem Prall des erkundungsfreudigen Fisches, weil er mit ihm mitfühlt und emphatisch mit ihm ist. Empathie ist für Lebewesen mit Hochsensibilität also keine moralische Tugend, sondern eine evolutionäre Überlebensstrategie, die fest in die Funktionsweise der eigenen Gefühlswelt integriert ist.

Kultur der Gefühllosigkeit

Obwohl dieses Beispiel die intelligente und anpassungsfähige Natur der Hochsensibilität darstellt, kann die Veranlagung oft auch zu Problemen führen, insbesondere dann, wenn klar wird, in welchem emotionalen Chaos Menschen sich generell befinden.

Unsere gesellschaftlich und kulturell akzeptierte Form des Umgangs mit Gefühlen ist die Verdrängung, also das Ausblenden der Gefühle aus unserer Wahrnehmung, in der Hoffnung, sie so zu entmachten. Die Idee dahinter ist die übermenschlich anmutende Überzeugung, Gefühle würden generell nicht so gut in unser zivilisiertes Leben passen, welches permanent danach strebt, sich von allem Tierischen abzuheben. Die Gefühle hingegen scheinen wie eine Altlast aus tierischen Zeiten: wer in einer Diskussion Wut zeigt, gilt bereits als Verlierer. Wer zu großer, übermäßiger Freude neigt, als naiv; wer intensiv trauert, ist ein Weichei oder “zu schwach für diese Welt”.

Beruflicher und gesellschaftlicher Erfolg geht oft mit Gefühllosigkeit einher. Kein Investmentbanker, Politiker oder Unternehmer hat seinen Erfolg dem besonders starken Mitgefühl zuzuschreiben, den er gegenüber der Welt, seinen Mitarbeitern und der Konkurrenz empfindet.

Gefühllosigkeit spiegelt zudem auch unsere Wahrnehmung von Attraktivität wieder: die Gesichter der Models auf dem Laufsteg und auf Werbeplakaten sprechen hier Bände – oder, genau genommen, sprechen sie eben gar nicht. Der ideale Mensch unserer Zivilisation scheint ein emotionsloses, rationales Wesen zu sein, das die evolutionäre Last der Emotionen durch kühle Voraussicht überwunden zu haben scheint. Hier wirken die Hochsensiblen, mit ihrem über die Norm hinaus verstärkten Hang zur Emotionalität, unangepasst und fehl am Platze. Doch erstmal sollten wir uns fragen, ob die Menschen tatsächlich so emotionslos sind, wie sie nach außen hin vorgeben, zu sein.

Die unbewusste Macht der Gefühle

Gefühle werden nicht entmachtet, wenn sie verdrängt werden. Sie werden dadurch nur stärker, da sie dann ihr Dasein in der Anarchie unseres Unbewussten , d.h. außerhalb unserer Wahrnehmung und Gedanken, ausleben dürfen und von dort aus keine Schwierigkeiten mehr haben, die Macht über uns immer wieder an sich zu reißen. Je nachdem, wie sehr ein Mensch bereit ist, seine Gefühle zu verdrängen, lernt er, nach außen hin so zu tun, als hätte er keine. Das gesamte Spiel um die Emotionslosigkeit ist eine Farce – ein Machtkampf, könnte man sagen – das unsichtbare Spiel unserer Zivilisation. Angela Merkel, eine Meisterin des gefühlskalten Auftretens, gewinnt eine Wahl nach der anderen mit ihrer sachlich anmutenden, kühlen, emotionsarmen Art, die ihre Widersacher so dastehen lässt, als ob sie erst einmal mit ihren persönlichen Problemen umzugehen lernen müssten, bevor ihnen das Amt des Bundeskanzlers anvertraut werden könne.

Wie viele verdrängte Gefühle aber in den Menschen tatsächlich kochen, erkennt man bereits daran, wie einfach es ist, Menschen für die eigenen Zwecke zu gewinnen und zu manipulieren, wenn man diese unsichtbaren Gefühle anspricht. Die deutsche Geschichte ist nicht nur aufgrund des Nationalsozialismus ein perfektes Beispiel dafür. Auch die aktuelleren Entwicklungen in großen Teilen unserer westlichen Welt lassen sich durch ein Verständnis der verdrängten Emotionen erklären.

Das lebenslange Verdrängen von Emotionen führt zu einer völligen Inkompetenz im Umgang mit Emotionen. Als auf dieses Gebiet spezialisierter klinischer Psychologe und Psychotherapeut erlebe ich immer wieder, wie die meisten Menschen ohne Übertreibung als emotionale Invaliden bezeichnet werden könnten. Denn weder Zuhause noch in der Schule lernen wir, mit unseren Gefühlen adäquat umzugehen und legen so den Grundstein für viele seelische Probleme und ein unbewusstes, zielloses Leben.

Hiervon sind fast alle Menschen betroffen, nicht nur die hochsensiblen. Es trifft hochsensible Frauen und Männer nur stärker, weil sie einerseits dazu veranlagt sind, emotional intensiver zu reagieren, und andererseits seltener bereit sind, so zu tun, als hätten sie keine Gefühle. Aufgrund ihrer erhöhten Empathie neigen sie nämlich schon im Kindesalter dazu, die Falschheit des Spiels mit der vermeintlichen Gefühllosigkeit zu riechen. Deshalb ist es für Menschen mit Hochsensibilität umso wichtiger, einen gesunden, bewussten Umgang mit Gefühlen zu lernen. Ebenda ist die Achtsamkeit von besonderer Bedeutung.

Achtsamkeit als Schlüssel

Achtsamkeit hat die Fähigkeit, unseren Umgang mit Gefühlen entscheidend zu verändern. Was genau Achtsamkeit eigentlich ist, wurde in einem vorherigen Artikel bereits besprochen und kann hier nachgelesen werden. Achtsam sein bedeutet, einen Teil unserer Kraft vom Erleben abzuziehen und sie dem Beobachten zu widmen. Das hat viele Vorteile:

1. Die Gefühle werden bewusst.

Sie werden aus der Dunkelheit des Unbewussten hervorgeholt in das Licht unseres Bewusstseins, haben dadurch nicht mehr ihre unkontrollierte Macht über uns und ein bewusster Umgang mit ihnen wird ermöglicht. Solange unsere Gefühle unbewusst sind, funktionieren sie automatisch, ohne unser zutun – das bedeutet: nach genau dem Prinzip, nachdem sie bereits unser ganzes Leben lang funktioniert haben. Diese Unfreiheit wird dank der Achtsamkeit mit der Freiheit ersetzt, einen bewussten, neuen Umgang wählen zu können: jedes Mal, wenn wir achtsam sind, erhalten wir ein Stück weiter die Fähigkeit, so reagieren zu können, wie wir es wirklich wollen.

2. Negative Gefühle verlieren ihre existenzielle Schwere.

Negative Emotionen können sich unglaublich schwer anfühlen, wenn wir ihnen nicht begegnen. Sie sind wie das Monster unter dem Bett, vor dem wir uns fürchten. Diese große Frucht flößen sie uns ein, weil wir ihnen unrealistisch viel Macht zusprechen. Sobald wir sie beobachten, werden sie real, vergänglich und umgänglich.

3. Lern- und Wachstumsprozesse werden in Gang gesetzt.

Erinnern sie sich an die eingangs erwähnte besondere Fähigkeit der hochsensiblen, aus Fehlern anderer zu lernen? Diese Fähigkeit kann nur dann wirklich ausgeschöpft und genutzt werden, wenn wir nicht verdrängen, sondern achtsam sind. Nur bewusste Gefühle sind lebendige Gefühle, die weiterverarbeitet und in Kombination mit lebendigen Gedanken in neue Erkenntnisse und Einsichten umgewandelt werden können.

4. Menschen mit mehr Achtsamkeit im Alltag haben eine höhere Lebenserwartung und sind zufriedener.

Außerdem genießen sie besonderen Schutz gegenüber seelischer Belastung und Stress. Die Forschung zur Hochsensibilität deutet außerdem darauf hin, dass hochsensible Menschen besonders stark von Achtsamkeit profitieren. Wen wundert’s?

Es gibt also zahlreiche Gründe, Achtsamkeit zu erlernen. Der wichtigste dieser Gründe wurde aber bisher noch nicht erwähnt: Achtsamkeit ist unser Geburtsrecht, denn es bedeutet nichts weiter, als im unmittelbaren, direkten Kontakt mit dem zu sein, was gerade in uns passiert. Genau das ist der Grundzustand aller anderen Lebewesen außer der unseren. Nur wir Menschen haben uns soweit gegen uns selbst gewandt, dass wir von dieser Natürlichkeit entfremdet worden sind. Die Rückkehr zum inneren Kontakt mit unseren Gefühlen ist eine Reise, die jeder Mensch, der ein zufriedenes, harmonisches, bewusstes Leben anstrebt, mit Entschlossenheit, Zuversicht und Neugier antreten sollte.

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  1. Aron, E. N., Aron, A., & Jagiellowicz, J. (2012). Sensory processing sensitivity: A review in the light of the evolution of biological responsivity. Personality and Social Psychology Review: An Official Journal of the Society for Personality and Social Psychology, Inc, 16(3), 262-82. doi:10.1177/1088868311434213

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alexander.w.rauch