Aggression und Regression

Wie das Katze-und-Maus-Spiel von Aggression und Regression unsere Durchsetzungsfähigkeit verhindert.

Hochsensibilität

Aggression & Regression

Sucht man im Internet nach dem Gegenteil von Aggression, findet man Vorschläge wie Gelassenheit, Friedlichkeit und Mildheit. In der Tat haben viele Menschen ein stark vereinfachtes, falsches Bild von kommunikativer Dynamik: sie sehen die aggressive Person als das Falsche oder Böse und besetzen die Idealantwort auf sie mit einem Begriff der Gelassenheit, der Unberührtheit von dieser suggeriert.

Diese Vorstellung bringt einige Probleme mit sich, denn sie verhindert ein klares Verständnis von zwischenmenschlicher Interaktion.

Das Gegenteil von Aggression ist die Passivität, die Regression – nicht im psychoanalytischen Sinne, sondern im wörtlichen Sinne der Zurückentwicklung und des Rückgangs.1

Die meisten Menschen folgen in Interaktion mit ihren Mitmenschen überwiegend einer von zwei Strategien: einer Strategie der Aggression, oder Regression. Regeression bedeutet, dass eine Person nicht in der Lage ist, Grenzen zwischen anderen Personen und sich zu ziehen und dadurch anderen gestattet, die eigenen Ressourcen für eigene Zwecke zu missbrauchen.

Solch eine Person mag von außen schwach und kraftlos erscheinen, doch in Realität vermag sie über ein tiefes, weitreichendes Reservoir an Kraft zu verfügen. Es ist die Unfähigkeit, diese Kraft für sich selbst einzusetzen, was dazu führt, dass aggressive Menschen diese Kraft stehlen und die regressive Person in einem Zustand der Schwäche zurücklassen.

Aus gesellschaftlicher Sicht sind regressive Menschen schwach und ihr Zustand der Kraftlosigkeit daher selbstverschuldet. In der Realität jedoch sind diese Menschen so gut im Herzen, dass sie niemals die Kraft einer anderen Person für eigene Zwecke missbrauchen würden. Daher finden sie sich in einer gemeinen Welt wieder, an die sich nicht adaptieren können. Sie leiden enorm in einer aggressiven Gesellschaft, die ihnen nicht beibringt, die eigene Kraft für den Selbstschutz einzusetzen.

Der aggressive Typus

Auf der anderen Seite gibt es diejenigen unter uns, die weiter auf der aggressiven Seite der Skala stehen. Aggression ist aber kein Zeichen von Stärke, wie gemeinhin oft angeommen wird.

Ganz im Gegenteil: Aggression ist ein Fehlen von Stärke, ein Fehlen von eigener Kraft, die versucht wird durch Dominanz über andere Personen auszugleichen.

Aggressive Menschen nutzen die Kraft von anderen für ihre eigenen Zwecke und zum Selbstschutz. Dies ist vergleichbar mit einer Nation, die nicht durch Einsatz der eigenen Macht ihre Grenzen verteidigt, sondern durch die Invasion und Unterdrückung von anderen Nationen – und sie so klein und kraftlos zu machen versucht, dass sie keine Gefahr mehr darzustellen vermögen.

Genauso wie Regression kommt auch die Aggression von einer tiefen Unsicherheit. Aus Sicht der Gesellschaft ist Aggression viel erstrebenswerter als Regression, weil es die Person dazu befähigt, das zu kriegen, was sie will. Da die Gesellschaft blind ist gegenüber den Bedürfnissen der Menschen auf der regressiven Seite des Spektrums und sie beschuldigt, sieht sie nicht den Schaden und das Leid, was die Aggression verursacht.

Flucht aus dem Teufelskreis

Eine Sache ist sehr wichtig zu verstehen: Aggression und Regression formen ein symbiotisches System. Es sind zwei Pole eines Leidsystems und weder durch den einen noch den anderen Pol kann diesem Spiel entkommen werden.

Wenn jemand sich einer aggressiven Person gegenüber regressiv verhält, wird sie die aggressive Person dadurch niemals zufriedenstellen oder zähmen können – egal wieviel von ihrer Energie sie der aggressiven Person bereitstellt. Ihr regressives Verhalten sorgt sogar dafür, dass das aggressive Gegenüber noch aggressiver wird.

Genauso wird eine aggressive Person stets nach Wegen suchen, regressives Verhalten in Menschen auszulösen, um sie so zu dominieren und ihre Kraft für eigene Zwecke zu nutzen.

Wie kann man diesem Teufelskreis entkommen? Eine Person, die sich weder aggressiv noch regressiv verhält, kann ihre Grenzen mit Hilfe ihrer eigenen Kraft ziehen.

Solch eine Person versucht nicht, andere Menschen durch Macht zu unterdrücken, sondern formuliert eigene Absichten und Ziele so klar wie möglich und zieht nötige Grenzen.

Das Ziel solch einer Person ist es, eigene Bedürfnisse und Wünsche so präzise und verständlich wie möglich mitteilen zu können und es ertragen zu können, wenn andere sie ablehnen. Sie versucht nicht, andere ihren Zielen zu unterwerfen. Diese Eigenschaft, welche orthogonal zur Ebene von Aggression und Regression steht und diese transzendiert, heißt Durchsetzungsfähigkeit.

Durchsetzungsfähigkeit

Die durchsetzungsfähige Person gibt ihren Mitmenschen die Freiheit zu handeln, denn sie ist weder abhängig von der Gnade ihres Gegenübers (wie die regressive Person), noch braucht sie die Kraft der anderen um sich sicher und stark zu fühlen (wie die aggressive Person).

Sowohl die aggressive als auch die regressive Person üben auf andere einen enormen Druck aus. Die durchsetzungsfähige Person jedoch, kann damit leben, dass sie nicht immer das bekommt, was sie will.

Sie hat die Eigenschaft, die Ablehnung durch andere erleiden zu können. Somit ist sie frei in ihren Handlungen.

Wie erlangt man Durchsetzungsfähigkeit? Wird man mit Durchsetzungsfähigkeit geboren? Nein, im Grunde kann man nicht mit Durchsetzungsfähigkeit geboren werden, denn sie ist eine erlernte Fähigkeit, vergleichbar mit einem Seiltanz, mit der Regression auf der einen Seite des Abgrunds, und der Aggression auf der anderen.

Ähnlich, wie niemand als Seiltänzer geboren wird, wird auch niemand als durchsetzungsfähiger Mensch geboren. Natürlich fällt es einigen Menschen leichter als anderen – doch für jeden, der in der Lage ist, daran zu arbeiten, ist es eine erklimmbare Hürde.

Durchsetzungsfähigkeit ist ein Zustand. Um diesen Zustand zu erreichen, muss man sich zunächst seines Grundtyps bewusst sein. Ist man eher der aggressive, oder regressive Typ? Wie reagiert man in den meisten Situationen?

Hierfür ist viel Achtsamkeit nötig, denn es hilft nicht, sich an eine Situation zu erinnern, in der man vor Wut explodiert ist und jemanden angeschrien hat, um sich als aggressiv einzuordnen.

Wer seinen Grundtyp identifiziert hat, kann mit Übung mehr und mehr den Zustand der Durchsetzungsfähigkeit erreichen und ihn auch länger erhalten.

Für Menschen des regressiven Grundtyps besteht diese Übung darin, den Versuchen ihrer Mitmenschen, Dominanz auszuüben, aktiv mit einem Nein zu begegnen. Das erfordert sehr viel Selbstrespekt und ein hohes Selbstwertgefühl – zwei Punkte, bei denen regressive Menschen oft arbeitsbedarf haben.

Menschen mit aggressivem Grundtyp wiederum müssen üben, Nein zu sagen zu ihrer Tendenz, andere zu dominieren und zu kontrollieren. Sie profitieren stark von Empathie und Mitgefühl für andere – wenn möglich, sollten sie in jeder Kontaktsituation daran arbeiten.

Es geht also darum, als Seiltänzer auf dem Seil zu laufen, mit einem Stab in der Hand, dessen Gewicht auf der einen Seite das Selbstwertgefühl und der Selbstrespekt sind, und auf der anderen Seite Mitgefühl und Empathie. Ist eine Seite weitaus stärker als die andere, verlieren wir unser Gleichgewicht – und den Zustand der Durchsetzungsfähigkeit.


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  1. In der Psychoanalyse wird mit Regression zwar auch ein Rückschritt beschrieben, dieser ist aber nicht notwendigerweise kommunikativer Natur: die psychoanalytische Regression ist vielmehr eine Form der Problembewältigung, bei der ein Mensch unbewusst auf eine Entwicklungsstufe zurückgesetzt wird, in der das Problem aktiviert ist.

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