Was ist Achtsamkeit?

Eine kurze Einführung in die Welt der Achtsamkeit.

alexander.w.rauchAchtsamkeit

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit, im Englischen mindfulness, ist in der abendländischen Kultur ein relativ neuer Begriff. Sowohl in den klassischen chinesischen, den orientalischen als auch den indischen Auffassungen von Psychologie war ein Konzept der Achtsamkeit jedoch jahrhundertelang präsent.

Es ist spannend, wie unsere westliche Psychologie gefallen an der Achtsamkeit aufgrund ihres Nutzens für das seelische Wohlbefinden findet, doch Unmengen an weiterem Wissen, die in den Herkunftstraditionen der Achtsamkeit vorhanden sind, weitgehend ignoriert oder zumindest nicht aktiv in einen Bezug zur Achtsamkeit gesetzt werden.

Unsere abendländische Psychologie macht dadurch den Anschein, als wolle sie die Achtsamkeit als isoliertes Phänomen betrachten: „Was bringt sie? Was kostet sie? Wofür ist sie gut? Danke“.

Doch so lässt sich Achtsamkeit nicht greifen, verstehen oder umsetzen. Achtsamkeit ist zwar in der Tat eine zweckgebundene Funktion des Menschen. Dieser Zweck ist aber primär nicht ein Gefühl der Erleichterung. Der Zweck der Achtsamkeit ist das Auflösen von Identifikation, und das Wort „Identifikation“ bedarf einer genaueren Erklärung, um den immensen Nutzen und die Kraft, die sich hinter der Achtsamkeit verbirgt, verstehen zu können.

Die Rolle der Identifikation

In allen traditionellen psychologischen Schulen, die ein Konzept der Achtsamkeit hervorgebracht haben, wird das Problem der Identifikation gründlich diskutiert.1

Das Wort Identifikation ist dabei kein kulturübergreifend verwendeter Begriff. Es ist vielmehr eine Beschreibung für ein psychisches Problem, welches als Ursache dafür betrachtet wird, dass der Mensch sich nicht in einem Zustand von Frieden, Flow und Zufriedenheit mit sich befindet.

Es sei zudem anzumerken, dass das Wort Glücklichsein oder Glück bewusst vermieden wird. Der innere Friedens ist nämlich nach diesen Theorien der natürliche Zustand, der in Menschen vorherrscht, die nicht identifiziert sind. Wie wir in der Psychologie wissen, ist Glück oder Glücksichsein wiederum eine emotionale, zeitlich begrenzte Reaktion auf ein Ereignis.

Die Identifikation ist also dafür verantwortlich, dass der Mensch aus einem Zustand des inneren Friedens herausgerissen wird, und die Achtsamkeit dafür, dass er den Zustand der Identifikation wieder verlässt. Doch was genau bedeutet Identifikation?

Identifikation heißt, dass aktuell gegenwärtige Wahrnehmungsinhalte wie Gefühle, Empfindungen oder Gedanken gleichgesetzt werden mit dem Selbst. Die Person erlebt sich selber so, als wäre sie das Gefühl, die Empfindung oder der Gedanke.

Unsere psychologische Wissenschaft kann den Unterschied zwischen Identifiziertsein und Unidentifiziertsein nicht direkt messen und betrachtet ihn deshalb zum Großteil als nichtexistent.

Doch indirekt lässt sich der Unterschied messen. Denn das, was wir als Seelenwohl, Zufriedenheit oder inneren Frieden beschreiben, ist ein direktes Resultat des Nichtidentifiziertseins.

Wie funktioniert das Auflösen der Identifikation?

Achtsamkeit ist also der Zustand, der die Identifikation mit dem, was wahrgenommen wird, auflöst und uns dadurch in einen Zustand der Ruhe und des Friedens versetzt. Um selbstständig zu funktionieren, muss Achtsamkeit im Training mit einem Coach, der mit ihr bewandert ist, erlernt und geübt werden. Sie ist kein theoretisches Wissen, die durch Texte, Videos, Gespräche oder Denken erlernt werden kann – nur durch eigene Erfahrung.

Wer den Sprung in einen Zustand der Achtsamkeit oft genug mit einem Coach erlebt hat, ist mit der Zeit in der Lage, selbstständig in die Achtsamkeit zu wechseln.

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  1. Welwood, J. (2002). Toward a psychology of awakening: Buddhism, psychotherapy, and the path of personal and spiritual transformation. Shambhala Publications.

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